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Streiflichter
zu Julietta oder Die
ewige Sehnsucht nach der Unsterblichkeit. Zu einem Angelpunkt für jeden, der sich mit Julietta beschäftigt,
wird zwangsläufig die Fragen der Unsterblichkeit werden! Das Prinzip der "doppelten Unsterblichkeit", wie
es in der entsprechenden Schriften dargelegt ist, erscheint keineswegs ohne eine
gewisse Logik, welche bis in mehreren Aspekten sogar mit der profanen
Naturwissenschaft harmonieren kann. All dies setzt im übrigen die
Schwingungsorgan- und Astralkörperlehre als richtig voraus, wie sie u.a. im
Ordo Bucintoro als eine Grundauffassung herrschte. Sehen wir uns also die entsprechenden Systeme mit kühlem
Blick an: Jeder Mensch - jedes Lebewesen überhaupt - besitzt einen
"inneren Leib" (quasi Astralkörper, obwohl der Ausdruck schlecht
ist). Dieser ist ewig, sein Zustand entspricht inetwa dem Ausgewachsenseins,
beim Menschen also ungefähr dem 21./22. Lebensjahr. Der irdische Leib bildet sich um den "inneren
Leib," nach dessen Muster. Nach dem Sterben löst sich der "innere
Leib" (quasi Astralkörper) aus dem zurückbleibenden, unbrauchbar
gewordenen Erdenkörper. Das eigentliche Wesen des Menschen, seinen untrennbar
mit dem "inneren Leib" verbundenen Geist etc., damit auch sein
Ich-Bewußtsein, berührt dies im Grunde wenig. In einer jenseitigen Welt bildet
sich aus der dort angemessenen Stofflichkeit um den "inneren Leib,"
der feinstofflich ist, ein neuer "äußerer Leib," wiederum in
grostofflicher Form, wenn auch nicht identisch mit dem irdischen. Das alles ist klar und schlüssig. Gerade ein logisch
denkender Mensch kann annehmen, daß sich alles so verhält - denn eine
intelligentere oder auch nur gleichwertige Erklärung für die Kernfragen des
Seins hat noch keiner gegeben (ganz gewiß nicht die armseligen
Evolutionstheoretiker & Co., die behaupten, alles sei "von
alleine" entstanden!) Gehen wir jetzt ins Konkrete, der Julietta-Fall ist dafür
sehr geeignet. Nehmen wir an, daß sie Anna Julia da Montefeltro gewesen
ist - wofür sehr vieles spricht. Anna Julia ist scheinbar tatsächlich im Alter
von 16 verstorben. Wenn ihr Sag leer ist, so hat das nicht unbedingt viel zu
bedeuten, es kann dafür mehrere Erklärungen geben, die zu erörtern an dieser
Stelle müßig wäre. Gehen wir einmal davon aus, Anna- Julia verstarb, so wie
es heißt. Dann hätte wir jetzt den interessanten Fall, daß sie als
JULIETTA in das irdische Leben zurückkam, und dies verhältnismäßig bald nach
ihrem Versterben, ca. 25 Jahre danach. Ganz genau ist das bislang nicht
feststellbar, weil die Angaben über Juliettas erstmaliges Auftauchen um nicht
weniger als acht Jahre differieren. Auf alle Fälle geht dies mit der alten
Annahme konform, wonach aufgrund des anders als im Irdischen gearteten
Zeitflusses in der "Generalsphäre" des Jenseits (Grünes Land) eine
Zeitspanne von 24 bis 28 Erdenjahren vergeht, ehe eine "magische Wiederverkörperung"
möglich ist. Weiter mit Julietta: Sie erschien in Venedig im Alter von Anfang 20 - also genau
der 1:1-Umsetzung des "inneren Leibs" gemäß. Anna Julia I wäre
damals schon sehr viel älter gewesen, ohne zwischenzeitliches Sterben könnte
sie nicht Julietta gewesen sein. (Was das viel früher entstandene
wahrscheinliche Julietta-Bild im Hause Loredan anbelangt, so ist dies ein Thema
für sich.) Juliettas Ankunft in Venedig war scheinbar nicht
unvorbereitet. Auf Murano wartete bereits ein Haus auf sie, dessen Garten
unmittelbar an den Park des Bucintoro-Hauses auf der Insel angrenzte. Das wird
kaum Zufall gewesen sein. Werfen wir also einen Blick auf den Ordo Bucintoro. Dieser war in erster Linie eine Gründung der Marchesa
Antonietta Contenta, heimlich, jedoch nachweislich, gefördert vom Dogen Loredan
(in dessen Haus sich bekanntlich das anscheinend unerklärliche frühe
Julietta-Bild befand). Nun müssen wir klären, wer Antonietta Contenta war. Sie
entstammte einem alten römischen Adelsgeschlecht. Mit einer etwaigen "frühmystischen"
Julietta identisch konnte sie nicht sein, denn Antonietta war mittelblond,
Julietta rötlich-brünett, sie sind unterschiedliche Typen gewesen. Ferner ist
die Geschichte der Antonietta genau bekannt, ihre Ehe, sie hatte fünf Kinder -
alles kundig. Aber zweifellos hat Antonietta die magischen Regeln des
Ordo Bucintoro aufgestellt und ist über relativ lange Zeit federführend im
Orden gewesen. Wenn wir ihre Schriftensammlung "Spiritus Eros"
betrachten (dieser Titel wurde dem erst später gegeben), so geht daraus
eindeutig hervor, daß sie genau jene Prinzipien kannte und praktisch anzuwenden
trachtete, von denen wir schon andeutungsweise sprachen und im folgenden näher
zu reden haben! Sofern wir also einmal die mystisch/magischen Systeme als
real annehmen wollen, wäre es ganz im Sinne der Sache gewesen, daß Antonietta
Contenta die quasi "magische Wiedergeburt" der Anna Julia da
Montefeltro als Julietta Montefeltro im Sinne der Ordensziele ins Werk setzte. Damit müssen wir nochmals Anna Julia anschauen. Diese galt mit 15 und 16 Jahren bereits als
"Hexe," ihr wurden unheimliche Kräfte nachgesagt. Die Beschreibung
ihres Äußeren paßt ohne weiteres. Nehmen wir nun an, was durchaus statthaft ist, die Kunde um
Anna Julias "unheimliche Kräfte" sei auch Antonietta Contenta zu
Ohren gedrungen. Sie mag dadurch inspiriert worden sein, diesen Gerüchten
nachzugehen. Das wäre ihr, als einer namhaften Dame der Gesellschaft, ein
Leichtes gewesen. So kann sie zu der Auffassung gelangt sein, das Mädchen Anna
Julia wäre äußerst geeignet gewesen für ihren Ordo Bucintoro. Allein - Anna
Julia war verstorben (möglicherweise vergiftet worden). An dieser Stelle gilt es auch zu bedenken, daß der
Frauenhaarmagie so hohe Bedeutung beigemessen wurde. Je länger und fülliger
die Haare, um so größer die magische Kraftentfaltung. Polange Haare hatten
damals fast alle Frauen, weshalb die Forderungen an eine Sacerdotessa, eine
magische Priesterin, noch höhere waren. Die junge Anna Julia war - wie später
Julietta - berühmt für ihre besonders schönen Haare. Überhaupt galt das Mädchen
als eine ganz außergewöhnliche Schönheit. Da ist es gut denkbar, daß die Marchesa, als Haupt des
Ordo Bucintoro, die schöne Frau mit so besonders prächtigen "magischen
Saiten" in den Reihen des Ordens haben wollte. Möglicher Weise dachte sie
auch bereits daran, eine Nachfolgerin für sich selber aufzubauen. Allerdings, wie wir wissen mit hoher Wahrscheinlichkeit,
Anna Julia war verstorben. Das mag für Antonietta aber kein so arges Hindernis
gebildet haben - sie kannte ja die notwendigen magischen Wege! Auf den Pfaden der Magie weiterwandelnd, wollen wir nun
davon ausgehen, daß die Marchesa Contenta (nebst Gehilfen und Gehilfinnen), die
grobstoffliche Wiedergeburt der Anna Julia betrieben und das auch zuwege
gebracht hat. Nach der Kundigkeit im Ordo Bucintoro wäre das nicht
einmal sonderlich schwierig gewesen. Den Auffassungen des Ordens folgend, haben
wir und den Hergang ungefähr folgendermaßen vorzustellen: Als erstes mußte die verstorbene Anna Julia im Jenseits
aufgespürt und sozusagen dort drüben angesprochen werden. Da medial-spiritistischer
Verkehr mit der geistigen Welt im Ordo Bucintoro zum Alltäglichen gehörte,
konnte es keine sonderlich Mühe bereiten, die verstorbene Anna Julia dort
"drüben" aufzufinden. Da wir uns nun das Dasein dort in vielerlei
Hinsicht ganz ähnlich wie hier auf Erden vorzustellen haben, war es nötig,
Anna Julia von der Sinnhaftigkeit einer irdischen Wiedergeburt ihrer Person zu
überzeugen. Nun wissen wir, Anna Julia hatte sowieso einen Hang zu Mystik und
Magie, es dürfte bei ihr also offene Ohren für das Unterfangen gegeben haben.
Dazu wird gekommen sein, daß es sehr überzeugende Mittler gab, etwa
ambitionierte verstorbene Tempelritter, wie Saint-Omer (den direkten Vorfahren
von Antoniettas Gemahl) oder Wildgraf Hugo, vielleicht auch Jocelyne d'Arras,
auf alle Fälle überzeugend wirkende Persönlichkeiten beiderlei Geschlechts. Nun gut, nehmen wir an, dieser erste nötige Schritt war
getan, es bestand direkter quasi-spiritistischer Kontakt zwischen dem Ordo
Bucintoro im irdischen Venedig und Anna Julia im Jenseits. Nun war es möglich - und auch nötig - die ja auf Erden
jung und ohne viel Lebenserfahrung verstorbene Anna Julia genau zu instruieren -
sicherlich unterstützt von jenseitigen Verbündeten - denn sie selber mußte ja
die nächsten Schritte tun, alles lag insofern letztlich an ihr. Der verstorbenen Anna Julia mußte klargemacht und
beigebracht werden, wie sie irdische Grobstoffe ansammeln und damit um ihren
"inneren Leib" (eben den Astralkörper) einen neuen Grobstoffleib aus
irdischer Materie bilden konnte. Das wiederum hieß, sie zunächst unbeschadet durch die gefährliche
"gelbe Nebelheimzone" zu leiten, welche die Randbereiche von Jenseits
und Diesseits überlappt. Gehen wir davon aus, daß jenseitige Helfer, wie etwa
der verstorbene Saint-Omer etc., dafür sorgten, daß dies problemlos möglich
war. Jetzt befand sich Anna Julia also im Nahbereich zum
Irdischen, sie konnte die notwendigen Grobstoffe kraft ihres Willens
heranziehen. Sämtliche Grobstoffe, die zur Bildung eines Erdenleibs nötig
sind, gibt es ja in der irdischen Natur. Es kam also nur noch auf Anna Julias
Willenskraft an. Diese dürfte aber gut ausgeprägt gewesen sein, zumal ja eine
Neigung zu dergleichen in ihrem Wesen vorhanden war. Es war also so weit, daß Anna Julia wieder in irdischer
Stofflichkeit erschien. Ihre irdische Wiederverkörperung fand sicher an einem
auf quasi-spiritistischem Weg besprochenen Ort statt, eventuell auf dem
Stammsitz der Contentas bei Rom, ganz unauffällig. Von dort aus wäre die
Wiederverkörperte dann unter dem Namen Julietta Montefeltro ganz unbefangen
nach Venedig gereist, um dort ihren schon vorbereiteten Wohnsitz zu beziehen. Es
wäre unklug gewesen, eine Frau sozusagen mitten in Venedig aus dem Nichts
auftauchen zu lassen, es war besser, sie kam angereist, wie Menschen halt zu
kommen pflegen. So könnte es gewesen sein. Jetzt fehlt natürlich noch ein Kernpunkt der Julietta-Sage,
doch auch dieser ist sehr leicht erklärt. Anna Julia - nunmehr Julietta - benötigte sofort nach
ihrer Wiedergeburt die "Bindesubstanz" zur Befestigung der irdischen
Stoffe um ihren "Astralkörper." Diese spezielle Substanz mußte ein
opferbereiter Mann ihr durch den Liebesakt geben. Dies kann keine Schwierigkeit
dargestellt haben, es gab bestimmt genug männliche Ordensmitglieder, die gerne
bereit waren, den nötigen Beitrag zum Gelingen der Sache zu leisten. Der Mann büßte
dadurch zwar einiges an Lebenskraft ein, konnte sich aber durchaus wieder
erholen. Die Julietta-Sage behauptet auch nicht mehr und nicht weniger. Wenn wir den Schriften "Spiritus Eros" folgen, mußte
die "Bindesubstanz" der Wiedergeborenen sehr schnell zugeführt
werden, es ging um Minuten, nicht etwa um Stunden. Auch insofern wollte das
ganze Unternehmen also gut vorbereitet sein. Gut so weit. Laut "Spiritus Eros" muß die Zuführung
der Bindesubstanz immer wieder erneuert werden, damit der diesseitige Leib der
"Jenseitigen" stabil bleibt. Der da nötige Zeitraum wird mit zwischen acht und 14
Monaten angegeben. Das wäre also wohl eine schlüssige Deutung der Sache. Selbstverständlich, Julietta könnte auch ein rein
jenseitiges Wessen, eine "Venustochter," gewesen sein, doch schließt
die naheliegendere Erklärung einer Quasi-Wiedergeburt der Anna Julia da
Montefeltro als Julietta da Montefeltro dies vielleicht beinahe aus (womit
jedoch nicht gesagt sein soll, es könnte keine "Venustöchter" geben,
wer weiß ...! ). Zuzutreffen dürfte ferner sein, daß Julietta über eine
erstaunlich langen Zeitraum das Aussehen einer Frau von Anfang bis Mitte 20
bewahrte. Wollen wir aber in den mystisch/magischen Systemen verweilen, so wäre
dies wohl durch die immer wieder erneut zugeführte "Bindesubstanz" zu
erklären. Dadurch bliebe ja ständig das Aussehen erhalten, welches sich bei
der Wiederverkörperung um den "inneren Leib" bildete. Auch hier also
sogar eine gewisse Logik. Nachtrag: Das Phänomen Julietta gehört womöglich in einen größeren
Zusammenhang. Ein wichtiger Punkt bei alledem scheint die alte Sehnsucht
der Menschen nach der Unsterblichkeit zu sein - ganz allgemein betrachtet. Das
geht zurück bis zum Gilgamesch-Epos. Gilgamesch geht es um die Pflanze der
Unsterblichkeit, welche er schließlich sogar erhält, aber wieder verliert
(vielleicht die archetypischste Geschichte, die es überhaupt gibt). Bemerkenswert z.B. auch bei Homer: Odysseus im Hades. Da
gibt es keine hoffnungsfrohe Perspektive, ähnlich wie bei Ischtars Reise in die
Unterwelt der Ereshkigal. Lichter schimmert es da schon durch die
Walhall-Schilderungen der Edda. Doch das ist, genauer besehen, auch äußerst
vage. Wir können sagen: Die Antike hatte fast durchgehend eine
triste Vorstellung von der Verstorbenenwelt. Erst im Venuskult der Julier - Cäsar,
Augustus - gab es einen erfreulichen Ausblick. Da aber kann germanischer Einfluß
eine Rolle gespielt haben, der von Valeria, auf alle Fälle seit Augustus. Der Erfolg von Christentum und Islam hat sicherlich eine
Ursache im Paradiesversprechen. Bei Dante Alighieri wird die lebensvolle
Jenseitsvorstellung in geradezu packender Weise deutlich! Alte sumerische oder karthagischen Glaubensmodelle waren
verlustig gegangen, die römischen Venuslehren blieben einer hochgebildeten
Minderheit von Patriziern vorbehalten. Die germanische Sichtweise blieb, außer in eben jenen römischen
Kreisen, fast unbekannt. Was bald zeitgleich mit dem Christentum die Gnosis anbot,
war zu verworren (z.B. Pistas Sophia, der pure Blödsinn!). Apollonius von Tyana
hätte daraus vielleicht mehr machen können, doch er schlug den falschen Weg
ein, suchte zu sehr nur Eliten. Damit war Petrus, Paulus & Co. Tür und Tor
geöffnet. Wir haben es also mit einer alten Tradition trister
Jenseitsvorstellungen zutun, die schon in frühesten Tagen die Sehnsucht nach
der Unsterblichkeit im Diesseits(!!) weckte (siehe Gilgamesch). Das Christentum hat, wie Luther bereits feststellte, aber
den heidnischen Boden Deutschlands nie wirklich durchpflügen können. Diese
Feststellung trifft auf die gesamte germanische Welt zu, so auch auf das nördliche
Italien. Der Gründungsort des Ordo Bucintoro in Venedig ist gewiß kein Zufall
gewesen, nirgends hatte die Kirche so wenig zu vermelden als in der Republik
Venedig. Kombinieren wir jetzt einmal ein paar Dinge, die in ihrer
Art durchaus zusammengehören: Luthers Feststellung im Hinblick auf die nie im
Boden verwurzelte Ausdehnung des Kirchenglaubens. Dazu die uralte Furcht der
Menschen von dem Tod, die, eben wegen des nicht ganz durchgedrungenen
Christentums und dessen Vorstellungen, in den Menschen steckenblieb, sozusagen
im kollektiven Unbewußten, um noch einmal auf Jung anzuspielen. Also: Der Traum von der Unsterblichkeit blieb bestehen- und
er benötigte Beispiele, sich an ihnen zu entfalten! Solche haben wir, etwa mit
Julietta oder in St. Germain! Das sind Muster einer Ursehnsucht! - Womit ausdrücklich
nicht gesagt sein soll, es sei alles nur Spinnerei. Sehen wir es einmal von einer anderen Seite: Jeder Ursehnsucht liegt zumeist verschüttete Urerkenntnis
zugrunde. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele. Nichts kommt aus dem Nichts,
sonst könnte es gar nicht gedacht werden, denn gedacht werden kann allein, was
ist (wußten schon die alten Griechen). Nehmen wir an, die Suche nach der Unsterblichkeit im Sinne
von Julietta, also diesseitige Unsterblichkeit, wie wir sie an frühester Stelle
bereits das Gilgamesch-Epos überliefert finden, wäre im Ursprung eine bewußte
Suche gewesen! Will meinen: Die Suche nach etwas Realem, von dessen
Vorhandensein/Möglichkeit führe Generationen noch konkret wußten! Nicht bloß
wunschträumten, nein, wußten! Z.B. Gilgamesch. Schauen wir ihn uns näher an: Er weiß,
er muß Xisostros finden, den letzen der Übermenschen, der auf der Insel der
Seligen lebt. Gilgamesch weiß also, träumt nicht etwa, nein, er weiß,
es gibt dieses Wissen. Er trifft den Gesuchten, und dieser gibt ihm den
erbetenen Rat. Gilgamesch taucht auf den Meeresgrund, und findet die
geheimnisvolle Pflanze, die unsterblich macht. Sie entgleitet Gilgamesch, er muß
unverrichteter Dinge nach Uruk heimkehren, doch er hatte schon in Händen, was
das Ziel seiner Suche gewesen war. Das heißt: Er wußte, es gab diese
Unsterblichkeit, den Weg, der zu ihr leitet! Das war kein Traum, allein seine
Ungeschicklichkeit versperrte ihm den Weg zum Ziel. Jetzt müssen wir bedenken: Die heute vorhandene Redaktion
des Gilgamesch-Epos wurde vermutlich von einer Tochter Sargon I. verfaßt, auf
alle Fälle aber rund 1000 Jahre nach dem historischen Gilgamesch. Da hat sich
vieles verändert. Der letzte der Unsterblichen auf der Insel der Seligen
weist Gilgamesch den Weg: Vom Grund des Meeres ist die Pflanze der
Unsterblichkeit zu holen. Das halte ich für ein Sinnbild, vielleicht auch, noch
eher, für ein späteres Mißverständnis. Das Meer ist nämlich bei den
Sumerern "Die grüne Tiefe," es ist das "Grüne Land," das
Jenseits! Ähnlich: Bei den Germanen kommt Saiwalo, die Seele, aus
dem grünen Meer (daher noch das Märchen vom Klapperstorch, das die Babys
bringt - Saiwalo aus dem grünen Meer). Das grüne Meer ist auch hier, denke
ich, das "Grüne Land" - die Übersphäre des Jenseits. - Dort hinein
"tauchte Gilgamisch"! Wir sind jetzt zum Anfang aller das Thema betreffenden
Mythen zurückgegangen, zu Gilgamesch. An Anfang muß das verlorene Wissen noch
am größten gewesen sein. Im Rg-Veda gibt es übrigens eine Passage, die in eine ähnliche
Richtung deutet. Die These lautet also: Die Ursehnsucht nach der Möglichkeit
diesseitiger Unsterblichkeit fußt auf einem verschütteten Urwissen. - Das ist
eine Möglichkeit! Dieser Gesichtspunkt könnte wichtig sein, wenn wir dem Rätsel
von Julietta auf den Grund kommen wollen.
Ursula B., Mailand |
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28. Juli 2010 20:13:51 +0200 |