Vom
Sinn
Sinn!
– Es ist ein Wort, daß sich erst begreifen läßt, wenn wir ihm ein zweites
zur Seite stellen: Sinnlichkeit! – Sinn und Sinnlichkeit. – Zwei Worte und
zwei Begriffe – und doch vorbestimmt zur Vereinigung. Wie Geist und Körper.
Diese beiden Worte sind wie zwei Liebende. Sie haben Sexualität. Und das ist
der Mittelpunkt allen Lebenssinns: Unsere Sexualität.
Der
Sinn des Lebens! Kluge Philosophen haben sich darüber die Köpfe zerbrochen,
und nicht ganz so kluge Theologen danach ihre Glaubens-lehrbücher durchforstet.
Zumindest die Philosophen brachten manchen gescheiten Gedanken hervor. Wo religiöse
Lehren ihre Diktatur ausübten, blieb die Suche hingehen stets fruchtlos. Einige
Dichter aber lieferten wertvolle Beiträge. Das früheste Zeugnis aller
menschlichen Suche nach Sinn haben wir im sumerischen Gilgamesch-Epos. Homers
Werk, Ilias und Odyssee, enthält der wunderbaren Bilder und Sinnbilder viele.
Dante näherte sich den Dingen an. Und schließlich kam Goethe mit seinem Faust.
In Faust lebt das Ahnen von der magischen Liebe – vom Sinn hinter dem Sinn. Am
Schluß von Faust II wird es deutlich:
„Alles
Vergängliche ist nur ein Gleichnis;
das Unzulängliche, hier
wird’s Ereignis;
das Unbeschreibliche, hier
ist’s getan;
das Ewig-Weibliche zieht uns
hinan.“
Über
diese Verse haben schon viele gerätselt. Dabei ist ihr Sinn einfach – wie
Goethe selbst einmal sagte: Alles Große ist einfach! Und dies ist das Größte
von allem: Das Ewig-Weibliche! Darin liegt der Schlüssel zum Leben und der Schlüssel
zum Himmel! Das Ewig-Weibliche strahlt die lichten Kräfte aus, die alles
bewegen, die Kräfte der Liebe, des Eros, der den Mann ganz erfaßt und
desgleichen die Frau – in der süßen Vereini-gung des Liebesakts. Dies ist
das Höchste, hierin liegt aller Sinn! Im Lichte des Sinns gibt es nichts
anderes, was zählte. Es ist das Unbe-schreibliche, von dem Goethe spricht, das
als irdisches Ereignis oft Unzu-längliche, das Vergängliche und als solches
nur ein Gleichnis – aber es ist
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Magische Erotik
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VOM SINN )
da, ist wird wirksam, das Unbeschreibliche, es wächst
und wird groß über alles: Das
Ewig-Weibliche! Und wir können es erfassen, können es ganz erfassen: Die Frau
in sich selbst, der Mann durch sie – beide gemeinsam in der Vollendung – im
magischen Liebesakt. Jetzt, da ein neues Zeitalter mit Rosenfingern über den
Horizont steigt, um mit Worten Homers zu sprechen, jetzt, mit der Wiederkehr der
ewigen Liebesgöttin, der Aphro-dite, der Venus, der Ischtar, jetzt werden die
Bilder klar, das Unbeschreib-liche nimmt greifbare Gestalt an.
Wir
wollen sprechen vom Sinn! Wie oft waren wir alle doch Suchende in den Irrgärten
unseres Lebens. Jeder kennt Tage, Wochen, Monate, wo-möglich Jahre, in denen
wir das Licht des Sinns nicht sahen. Es war auch bislang ferner als jetzt, denn
jung erhebt sich das Morgenrot der neuen Zeit. Nun können wir es leichter
erkennen. Aus dem erstem Dämmern wurde Helligkeit: Wir sehen, erfühlen und
begreifen den Sinn! Er liegt ja tief in uns selbst begründet.
Auf
den ersten Blick mag diese oder jener meinen, hier werde ja doch in erster Linie
von Erotik gesprochen, von Sex. So ist es, und es ist gut so, denn es gibt ja
keinen anderen Sinn als diesen! Und was er bedeutet, das steht hoch über bloßer
Körperlichkeit, die ja nur ein Teil des ganzen ist. Aber der körperliche Sex
gleicht in dieser Welt der fruchtbaren Erde. Hier ist er der Anfang dessen, was
alles umspannt, alles was das Weibliche für das Männliche wirkt und das Männliche
für das Weibliche. Was wir nicht für einander täten – als Mann und Frau,
als Frau und Mann – das wäre ohne Sinn. Noch kein wahres Kunstwerk wurde
anders geschaffen, kein Gedicht anders geschrieben und kein Lied anders
gesungen, kein wahrer Gedanke anders gedacht und kein Reich anders erobert.
Alles Große, Reine und Wahre entsprang stets dieser einen Kraft. Auch ein
Johann Sebastian Bach, der von sich meinte, allein zur Ehre seines Gottes zu
schaffen, schuf in Wirklichkeit für die von ihm geliebte Frau, und ohne diese hätte
er gar nichts geschaffen. Sämtliche Wege menschlichen Tuns von Wert und
Bedeutung, mitunter hinter Umwegen verborgen, münden immer wieder an diesem
einen Punkt, dem Angelpunkt allen lebendigen Seins. „Das Geheimnis der Liebe
ist größer als das Geheimnis des Todes,“ schrieb Oscar Wilde. Es ist auch größer
als alle Lehren und Religionen – weil es selbst Religion ist.
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Magische Erotik
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VOM SINN )
Ja,
das Geheimnis der Liebe zwischen Frau und Mann ist die höchste, die einzige
wahrhaftige Religion! Alles andere versinkt in Nichtigkeit neben dieser
wunderbaren Kraft. Ihre Tempel tragen wir in uns. Öffnen wir darum unsere
Augen, lassen wir Geist und Seele freien Atem – dann ver-stehen wir es: Was
immer uns auch bewegt, die Fragen des äußeren Alltags ebenso wie der Wunsch
nach innerer Erfüllung, auch alle stillen Träume, die in uns wohnen und ihre
Sehnsucht ausbreiten, alles findet seine eine Antwort im Licht der Liebe
zwischen Frau und Mann, der Liebe im Lichte der ewigen Morgenröte. Dort ist die
Sonne, die alles erhellt und deren Strahlen keine Schatten werfen. Klein und
nichtig sind alle Schwierigkeiten und Mühen, gesehen in diesem Licht. Wir
bemerken auf einmal: Probleme, die da zu sein schienen, gibt es in der
Wirklichkeit nicht. Denn wir erschaffen unsere Wirklichkeit aus der Magie der
Liebe immer wieder neu! Alles ist vorstellbar, jedes Ziel wird erreichbar,
nichts ist unmöglich – wir bestimmen uns selbst aus unserer eigenen ewigen
natürlichen Kraft! In ihr sind wir schaffend und zeugend – wir erschaffen
Leben und junges göttliches Licht!
Alles
ist möglich, wenn Ihr es in diesem Geiste wollt – als Frau und Mann. Habt den
Mut in das Licht des jungen Morgenrots hinein zu schreiten. Wendet Ihr Euch dann
um, so seht Ihr auch diese Welt neu und gewinnt auch da hier ein neues Leben.
Und dieses Leben ist schön, weil es vom Sinn erfüllt ist – und weil der Sinn
Euch erfüllt. Hebt darum den Blick: Der Schimmer der Morgenröte ruft!
*
„Wer
Träume hat, lebt.
Wer
keine Träume mehr hat,
ist
bei lebendigem Leibe tot.“
(
Georg Urban )